Geschichte der Schule

Der Besuch des ältesten Schülers des Comenius

Der älteste noch lebende Schüler des Comenius-Gymnasiums, Mr. F. H. Edwards, besuchte kurz vor den Osterferien seine alte Schule. Der 87jährige gebürtige Oberkasseler berichtete zwei 10er Klassen und dem Leistungskurs Geschichte der Stufe 13 aus seinem Leben, das teils dramatisch verlief. Für die heutigen Schülerinnen und Schüler wurden es hochinteressante Unterrichtsstunden; sie hingen dem Zeitzeugen förmlich an den Lippen. Denn der heutige Londoner erlebte und erlitt als deutscher Jude Fritz Ludwig Eduard Meyer den Aufstieg der Nationalsozialisten hautnah.

Zu Ostern 1932 wurde Edwards als Zehnjähriger am Comenius-Gymnasium eingeschult und erlebte dort eine vergleichsweise liberale Atmosphäre ohne größere Anfeindungen. Der damalige Direktor, Dr. Mosler, habe versucht sich und die Schule durch die „neue Zeit“ der Nazis zu lavieren, musste sich jedoch vorsichtig gegenüber seiner Sekretärin und zwei Lehrern verhalten, die überzeugte Nationalsozialisten waren. An anderen Schulen sah es relativ schnell schon anders aus: Als Edwards jüngerer Bruder 1934 bei einem Autounfall auf der Luegallee ums Leben kam, schickte seine Volksschule an der Lankerstraße keinerlei Beileidsbekundungen. Zu dieser Zeit bekam Edwards auch erstmals offene Abneigung zu spüren: Er spielte vor dem Elternhaus in der Wildenbruchstraße mit zwei Freunden, als ein anderer Junge vorbei kam, auf den Boden spuckte und „Judenhaus“ rief. „Bis heute stelle ich mir die Frage, woher der Junge diesen Ausdruck gelernt hat.“


Auge in Auge: heutige Comenius-Schüler lauschen gespannt der Lebensgeschichte des 87jährigen F.H. Edwards

Aufgrund der sich verschärfenden politischen Entwicklung schickten seine Eltern ihn im Oktober 1935 auf ein englisches Internat – und so wurde aus Fritz Meyer Frederic Edwards. Drei Jahre später gingen auch die Eltern, gerade noch rechtzeitig, ins Exil; zu ihrem Glück war das „J“ für Juden noch nicht in ihrem Pass gestempelt und sie hatten keine jüdisch klingenden Namen. Andere Familienangehörige hingegen fielen dem folgenden Naziterror zum Opfer.

Als Edwards 1935 in England ankam, sprach er kein Wort Englisch. Das änderte sich durch die Lektüre von Zeitungen und Büchern sehr schnell; der Respekt der heutigen Comenianer für diese Leistung war ihm gewiss. Wenige Jahre später war Edwards als britischer Militärangehöriger an der Landung der Alliierten in der Normandie beteiligt. Auch über diese Zeit und seine Erlebnisse im Düsseldorf der unmittelbaren Nachkriegszeit berichtete Edwards sehr anschaulich. Was die heutigen Schüler besonders faszinierte, war die Antwort auf die Frage, ob er damals Hass gegenüber den Deutschen fühlte. Seine Antwort: „Hass gibt es für mich nicht. Vielmehr fühlte ich Mitleid gegenüber dem unschuldigen deutschen Volk. Wie soll ich meine Leute hassen?”

Edwards großes Anliegen, dass sich heutige Schüler ein anschauliches Bild davon machen können, wie es während des Nationalsozialismus gewesen war, wurde mehr als erreicht. Erstaunt stellte Eldina Hasic aus der 10a fest: „Plötzlich waren 90 Minuten vorbei, die Klasse bemerkte nicht einmal wie die Zeit verging! Mr. Edwards hat bei uns einen hoffentlich ewig andauernden Eindruck – und die Botschaft, uns gegenseitig zu respektieren, zu verstehen, niemanden auszugrenzen oder gar zu verletzen.“