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Erst Afghanistan, dann Ungarn
Vier Schüler des Comenius-Gymnasiums sind in die Rolle von UN-Delegierten geschlüpft. In Berlin wurde diskutiert und in der Vollversammlung abgestimmt.
Lehrerin Ingrid Hartmann-Scheer (li.) hat ihre Schüler für Berlin fit gemacht. Wenn's um Ungarn geht, macht Alexander Tschernin, Stefanie Krause, Holger Reinhard und Michael Weckop (v. li.) so leicht niemand mehr etwas vor. Schulleiterin Monika Matthes freute sich und verteilte Urkunden.

Foto: Alsleben
Von Philipp Nieländer
Mit einem etwas unsicheren Gesichtsausdruck schreitet Stefanie Krause zum Rednerpult, hinter dem die Flagge der Vereinten Nationen hängt. In einer kurzen Ansprache will sie den Delegierten der Vollversammlung verdeutlichen, welche Probleme es im ungarischen Gesundheitswesen gibt und was sich so schnell wie möglich ändern muss.
In Wirklichkeit ist Stefanie Krause Schülerin des Comenius-Gymnasiums und hatte bis vor einigen Wochen gar nichts mit Ungarn zu tun. Das änderte sich, als Englischlehrerin Ingrid Hartmann-Scheer vom "Berlin Model United Nations" erzählte, bei dem sich jedes Jahr Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Ländern in der deutschen Hauptstadt treffen und dort in die Rolle von Delegierten der Vereinten Nationen schlüpfen. In englischer Sprache wird debattiert, um Lösungen gefeilscht und abgestimmt.
Für das Comenius-Gymnasium machten sich neben Stefanie Krause auch Holger Reinhardt, Alexander Tschernin und Michael Weckop, alle aus der Jahrgangsstufe 13, auf den Weg nach Berlin. Mit einem ziemlich flauen Gefühl im Magen. Das lag vor allem an der kurzen Vorbereitungszeit. Zunächst hatte man nämlich Afghanistan zugeteilt bekommen. Nach den Ereignissen vom 11. September ging das nicht mehr. Ersatzland: Ungarn.
"Wir haben stundenlang im Internet gesurft, um Inforrnationen zu bekornmen", sagt Alexander Tschernin. "Als ich vor den fast 400 Schülern meine Eröffnungsrede halten musste, wäre ich am liebsten geflüchtet", erinnert sich Stefanie Krause. "Denn im Vergleich mit anderen Ländern wird an deutschen Schulen immer noch zu wenig Englisch aus Politik und Wirtschaft gelehrt."
Am Ende hat es aber doch funktioniert - sogar ganz ohne Versprecher. Ganz wie in der "großen Politik" stand danach erst einmal Lobby-Arbeit auf dem Programm. Nachwuchs-Politiker Alexander Tschernin: "Jeder hatte ein Schildchen mit Namen und Land. Und wir mussten uns überlegen, welche Nation in etwa die gleichen Ansichten vertritt und dann ganz informell mit ihnen ins Gespräch kommen."
"Am Ende waren wir wirklich so in unserer Rolle, dass wir bei den Abstimmungen richtig mitgefiebert haben", sagt Michael Weckop. Mit kleineren Veränderungen wurden alle von ihnen eingebrachten Resolutionen verabschiedet. "Nur der Vatikanstaat war eigentlich grundsätzlich gegen alles", schmunzelt Holger Reinhardt, der sich nun ganz sicher ist: "Nach dem Abi werde ich in die Politik gehen."
Westdeutsche Zeitung, 13.12.2001
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