Presse

Manchmal roch's nach Ampel-Koalition

Kritik der OB-Kandidaten am OB bei der Diskussion im Comenius-Gymnasium

Manchmal muss eben doch gesagt werden, dass nicht der "Herr Erwin" die Schulen und die Sportplätze saniert, auch wenn sein Name auf Baustellenschildern verewigt ist. Der Personenkult um den Oberbürgermeister treibt zuweilen Blüten. Als ein Schüler des Comenius-Gymnasiums gestern Abend bei der einzigen Podiumsdiskussion der vier Rathaus-Kandidaten den OB in einer Frage als Schirmherr bezeichnete, sah sich der Grüne Herausforderer Wolfgang Scheffler genötigt, eines mal klarzustellen: In der Regel führen politische Beschlüsse des Rates zu Entscheidungen in einer Stadt. "Im Blaumann", schmunzelte er, "hab' ich Erwin nur gesehen, als er den Fahrradweg auf der Luegallee eigenhändig entfernt hat".

Joachim Erwin hatte sich vor dem überwiegend jungen Publikum den lockeren Ton mit ein paar "dats" und "wats" aufgezwungen, wagte einmal sogar den Namen Hock auszusprechen und war sichtbar um Ruhe bemüht. Dabei musste er in der zweistündigen Frage- und Antwort-Debatte einiges wegstecken. Der angriffslustige und wortgewandte Scheffler, aber auch Gudrun Hock (SPD) nutzten die Gelegenheit, an der selbstherrlich ausgeführten Bilanz des Amtsinhabers kräftig zu rupfen. Manchmal roch es gar nach Ampelkoalition, denn der selbstbewusste Liberale Martin Zeitz stieg bei Ordnungs- und Verkehrsthemen, der Planung der überdimensionierten Düsseldorf Arcaden in Bilk, vor allem aber der Drogenpolitik mit in die Kritik an Erwin ein.

Wenn's ums Geld geht freilich stehen die altbekannten Fronten. Erwin und Zeitz wiesen auf die finanziellen Spielräume hin, die der Verkauf der Stadtwerke gebracht hat - Hock erinnerte daran, dass Rot-Grün Erwin einen sauberen Haushalt hinterlassen habe, von dem er nun profitiere und hielt ihm entgegen: "Wenn einem nix mehr einfällt; dann verkauft man Vermögen, um Schulden zu tilgen." Ob's die vielen Erstwähler schlauer gemacht hat? Auf jeden Fall applaudierten sie.

Martin Zeitz war die Freude richtig anzusehen. Wochenlang hatten sie ihn durch den Kakao gezogen wegen seiner, sagen wir, eigenwilligen Wahlplakate mit Hund, Müll und verprügeltem Kind. Doch bei der Podiumsdiskussion im Comenius-Gymnasium stellten mehrere Schüler Fragen zu den abgebildeten Themen. Zeitz: "Wir wollten auffallen, und Sie beweisen mir, dass uns das gelungen ist."

NRZ, 22.09.2004, von FRANK PREUSS