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Eine neue Theaterquelle



Die kanadische Autorin von "Gestrandet" besuchte gestern die RLT-Vorstellung

von Helga Bittner
NEUSS. So ganz unbekannt ist ihr Deutschland nicht, allerdings war sie bei ihrem letzten Besuch unter ganz anderen Vorzeichen über den Atlantik geflogen: Damals kam die junge Kanadierin Joan MacLeod wie so viele Gleichaltrige aus ihrem Land oder auch den USA, um Europa durch "Work and Travel" (Arbeiten und Reisen) kennen zu lernen, wobei es sie für zwei Monate nach Berchtesgaden verschlug, wo sie in einem Hotel gejobbt hat - lange, bevor sie in ihrer Heimat als Dichterin und Dramatikerin reüssierte.
Seit Mitte der 80er Jahre schreibt die 1954 in Vancouver geborene Schriftstellerin Theaterstücke, genauer: neun an der Zahl, von denen allerdings erst eines auf einer deutschen Bühne gezeigt wird - "Gestrandet", und wie kann es anders sein, in jenem Theater, das sich schon seit längerem als Entdecker kanadischer Theaterliteratur profiliert: dem Rheinischen Landestheater.
Die Wiederaufnahme der Inszenierung von Bernd Plöger, die kurz vor Saisonende Premiere hatte, war jetzt auch der Grund, warum die Autorin (mit finanzieller Hilfe der kanadischen Botschaft und des Auswärtigen Amtes) nach Neuss kam, dabei von Albert reiner Glaap begleitet wurde, der als Übersetzer wie ein Scharnier zwischen der deutsch- und englischsprachigen Theaterliteratur wirkt.
"Gestrandet" erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens, das von einem Verbrechen an einer Schulkameradin weiß, aber sich nicht traut, darüber zu reden. Eine Figur, die sich in Joan MacLeods Kopf verankert hatte, als bekannt wurde, dass ein 14-jähriges Mädchen in Victoria von einer ganzen Gruppe von Teenagern umgebracht worden war. "Es ist eine Woche vergangen, bis man ihre Leiche gefunden hat", sagt die Autorin noch heute betroffen, "und es es hieß, dass sehr viele gewusst haben, was da passiert ist, aber niemand etwas gesagt hat." Das "Warum" trieb die Autorin fast ein Jahr um und sie entwickelte die bis dahin eher noch abstrakte Figur Braidie zu einem 15-jährigen Mädchen, das sich mit dieser Tat auseinander setzt und dabei immer tiefer in die eigene Vergangenheit rutscht. "Ich wollte ein Stück über einen jungen Menschen schreiben, der einfach nur Angst hat", erzählt sie, "mir ging es nicht darum, die Ereignisse von Victoria auf die Bühne zu bringen." Vor allem aber geht es ihr um Jugendliche, denn in Kanada, so sagt MacLeod, gebe es kaum Bühnenstücke, in denen junge Menschen eine zentrale Rolle spielen: "Das wollte ich anders machen."
Eine Absicht, die indes beim Publikum nicht die Wirkung haben soll, nur Jüngere anzuziehen. "Am Liebsten ist es mir, wenn in diesem Fall Mutter und Tochter das Stück gemeinsam gucken", sagt sie lachend, und Rainer Albert Glaap bestätigt ihr, damit in guter Gesellschaft mit dem englischen Erfolgsautor Alan Ayckbourn zu sein, der von sich sagt, dass er bei seiner Arbeit "Kinder und ihre Eltern" als Zuschauer im Kopf habe.
Dass die Aussage gerade dieses Stücks, das im Original "The Shape of a Girl" heißt, eine universelle ist, hat die Autorin bei einem Besuch in einem Oberkasseler Gymnasium bestätigt gefunden. "Die Jugendlichen dort stellten kluge Fragen zu dem Stück", sagt sie, empfinden dasselbe wie ihre gleichaltrigen Kollegen in Kanada". Vor allem eins beruhigt sie dabei: Niemand hat empfunden, dass "Gestrandet" eine Botschaft transportiert. "Das mögen Jugendliche nicht", weiß Joan MacLeod, muss allerdings dennoch oft feststellen, dass ihr Kollegen in Kanada das nicht zu beherzigen scheinen.
Mit der 49-jährigen Autorin, die mit ihrer Familie in der Provinz British Columbia lebt, hat das RLT nun eine dritte vielversprechende Theaterquelle in Kanada aufgetan. Ein wenig durch Zufall, wie Pressesprecherin und RLT-Dramaturgin Anka Dohmen zugibt. Auf das Stück sei man gestoßen, weil das Haus kurzzeitig überlegt hatte, die hochgelobte kanadische Truppe "Green Thumb" mit dem MacLeod-Stück als ausländischen Gast zum Kinder- und Jugendtheatertreffen NRW einzuladen. "Aber wir haben das wieder verworfen, weil wir glaubten, dass das englischsprachige Stück für die jüngeren Zuschauer nicht verständlich gewesen wäre." Erst als nach einem Stück gesucht wurde, das ohne Aufwand auch in Schulen gespielt werden kann, habe man sich an das Drama erinnert (Bernd Plöger hat es ins Deutsche übersetzt). "Wie gut, dass Sie sich erinnert haben", ist nicht nur der einzig passende Kommentar der Autorin dazu, sondern wird auch von der NGZ-Kritik gestützt, die nach der Premiere im Juni schrieb: "Ein Jugendstück, so spannend, dass es den Atem stockt, so hautnah und unentrinnbar, dass es sich unauslöschlich einprägt, so sensibel und authentisch, dass es in knapp 70 Minuten alle Facetten des Ausgrenzens, des Fertigmachens, des Zuschauens und des Schweigens in großer Klarheit offen legt."

Neuss-Grevenbroicher Zeitung, 15.10.2003