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Rollenreich und gewitzt
Der Literaturkursus des Comenius-Gymnasiums brachte das Stück "Linie 1" von Volker Ludwig auf die Bühne - immer wieder aufgelockert von eigenen Songs. Es geht um ein junges Mädchen, das auf der Suche nach einem Rocksänger ist. Gewitzt schlüpften die Darsteller aus der Jahrgangsstufe zwölf immer wieder in neue Rollen. Etwa, wenn eine Drogensüchtige sich in eine biedere Bürgerin verwandelt.
Berlin in den 80er-Jahren. Bahnhof Zoo. Eilig hasten Bürger ins Büro, arbeitslose Jugendliche hängen ab, streiten sich um den letzten Schluck Bier, schnorren die Passanten an. Auf der Suche nach Rocksänger Johnnie, der ihr in der Provinz schöne Augen gemacht hat, kommt ein junges Mädchen früh morgens in der Großstadt an. In Kreuzberg soll er wohnen, hat der Angebetete geschrieben, direkt an der "Linie 1". Dieses Erfolgsstück von Volker Ludwig, immer wieder aufgelockert von eigenen Songs, brachte der Literaturkursus am Comenius-Gymnasium unter Leitung von Constanze Lueb jetzt zur Premiere.
Auf ihrer Suche begegnet das namenlose Mädchen in U-Bahn und am Bahnhof skurrilen Gestalten. Als Imbiss-Verkäuferin, Arbeiter oder Punk treten sie kurzzeitig in Beziehung zur jungen Ausreisserin und bilden das oft schrille, teils kaputte, teils sich hinter der Maske der Ehrbarkeit verbergende verlogene Bürgertum. Nur wenige Figuren durchbrechen mit überraschender Menschlichkeit die vorherrschende Gleichgültigkeit. Gewitzt schlüpfen dabei die Darsteller aus der Jahrgangsstufe zwölf immer wieder in neue Rollen - das Stück sieht mehr als 50 vor. Wer vorher als Jugendlicher zu sehen war, verkörpert bei einem nächsten Auftritt einen Luden. Eine Schulschwänzerin verwandelt sich zur Drogensüchtigen, dann wieder zur biederen Bürgerin, ein Drogendealer kehrt als Kleinkind au die Bühne zurück.
Trotz dieser hohen Anforderungen raschen Szenen- und Charakterwechseln überzeugt das Spiel der Schüler. Und trotz aller erzählter Tragik gelingt es ihnen, immer wieder Lachen zu provozieren, etwa wenn vier der jungen Männer als alte Damen auftretend rappen oder zwei Schüler liebevoll und wortlos ein türkisches Ehepaar karikieren. Am Ende ihrer Irrfahrt findet die Namenlose schließlich ihren Angebeteten. Doch haben sie die Begegnungen mit den Menschen und die Ereignisse in der Großstadt verändert - Johnnie kann sie nicht mehr bezaubern. Viel Applaus gab's für die schwungvolle, rund zweistündige Inszenierung.
Rheinische Post, 06.07.2004, VON DENIZ KARIUS, RP-FOTO: THOMAS BUßKAMP
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