Presse

Zeitunglesen nutzt ja tatsächlich

News vom 13.09.2010

Montagmorgen elf Uhr am Comenius Gymnasium Düsseldorf: es ist Zeit – ZeitungsZeit. Um Politiklehrer Markus Bußmann hat sich eine Traube aus Schülern gebildet. Jeder will eine haben, will blättern, rascheln und wissen, was es Neues gibt. Dank der Initiative „ZeitungsZeit – Selbstständigkeit macht Schule“ haben an diesem Morgen zum ersten Mal über 50.000 Neuntklässler in Nordrhein-Westfalen eine Zeitung in die Schule bekommen. Dank der Zusammenarbeit zwischen Landesregierung und Zeitungsverlegerverband NRW werden sie ab sofort bis Dezember jeden Tag mit einer Lokalzeitung und einer Boulevardzeitung beliefert. Damit ist ZeitungsZeit die bundesweit größte Initiative ihrer Art.

Marvin ist einer der ersten, der eine Zeitung ergattern konnte. Kaum hat er sie in der Hand, ist der 14-Jährige auch schon völlig darin vertieft. Die Worte von Lehrer Markus Bußmann dringen nur noch von Weitem an sein Ohr. Sie müssen mit der Schlagzeile auf der Titelseite konkurrieren: „Rückzug Sarrazins wurde erkauft“ steht da. Dass der Lehrer soweit in den Hintergrund tritt, ist für Bußmann in diesem Fall völlig in Ordnung. Er findet es gut, dass das Projekt so gut ankommt und die Schüler sich ohne Berührungsängste dem Medium annehmen. Denn bei ZeitungsZeit sollen die Schülerinnen und Schüler lernen, selbstständig zu arbeiten und sich zu informieren, um so die Initiativen in ihrem Leben ergreifen zu können.
Außerdem: Ganz zurück halten muss Bußmann sich natürlich nicht. Vielmehr baut er die Zeitungen und Unterrichtsmaterialien geschickt in seinen Unterricht ein. Als Politiklehrer ist er für die ökonomische Bildung seiner Schüler zuständig. Und genau darauf liegt der Schwerpunkt von ZeitungsZeit. Gerade behandelt Bußmann mit seiner Klasse das Thema Berufsorientierung. „Wie können wir die Zeitung für das Thema Berufsorientierung nutzen?“, fragt der 40-Jährige seine Klasse. Sofort schnellen einige Finger nach oben. „Stellenanzeigen“, ruft jemand in den Raum. Marvin fällt noch etwas anderes ein: „In vielen Artikeln kann man auch ganz nebenbei auf Berufe stoßen, von denen man noch nie etwas gehört hat. So bekommt man neue Ideen für die Berufsorientierung“, sagt er.

„Das Ziel dieser Einführungsstunde ist es, den Schülern das Gefühl zu geben: Zeitunglesen nutzt ja tatsächlich“, sagt Bußmann. Obwohl die meisten Schüler am Comenius Gymnasium nicht aus bildungsfernen Elternhäusern kommen, gibt es doch viele, die dem Medium Zeitung skeptisch gegenüber stehen. So auch Marvin: „Zeitung lese ich nicht so oft, ich lese lieber online.“ Wie viele Jugendliche in seinem Alter verbringt er nachmittags Zeit am Computer. Mit dem Medium Zeitung kommt er nur selten in Kontakt, denn seine Eltern haben kein Abonnement. Nur am Wochenende habe sie die Zeit, intensiv Zeitung zu lesen. Dann sucht Marvins Mutter ihm manchmal Artikel heraus, die ihn interessieren könnten. Zum Beispiel über neue Technologien, denn die findet Marvin spannend.

„Dass die Jugendlichen bereits in ihren Familien an das Medium Zeitung herangeführt werden, ist heute jedoch nur noch selten der Fall. Diese Aufgabe müssen jetzt wir als Schule übernehmen“, sagt Bußmann. Das wird auch in der ersten Unterrichtsstunde mit den Zeitungen deutlich. Da wird die Titelseite der Zeitung von den Schülern schon mal als Startseite bezeichnet und die einzelnen Bücher der Zeitung als Abteilungen. Bußmann klärt seine Schüler auf. Nicht nur, was das Vokabular anbetrifft. Besonders wichtig ist ihm auch das Thema Medienkompetenz. Neben der ökonomischen Bildung ist dies der zweite Schwerpunkt von ZeitungsZeit. „Die Schülerinnen und Schüler müssen verstehen, dass das Internet weniger verlässlich ist als eine Zeitung“, erklärt Bußmann. Darüber hinaus geht es ihm vor allem darum, dass die Jugendlichen lernen, Artikel reflektiert zu betrachten und stets zu bedenken, dass jeder Autor eine Intention hat.

Soweit geht der Unterricht heute jedoch noch nicht. Bis Dezember ist ja auch noch viel Zeit. Am Ende der Politikstunde falten Marvin und seine Mitschüler die Zeitungen fein säuberlich zusammen und lassen sie in ihren Taschen und Rucksäcken verschwinden. Denn Hausaufgabe ist heute, das Erarbeitete umzusetzen und die Zeitung zur Berufsorientierung zu nutzen. Zu Hause sollen sie in den Artikeln Berufe herausarbeiten und nach Stellenanzeigen suchen. Die ZeitungsZeit endet eben nicht mit dem Klingeln.

Die auf zwei Jahre angelegte Initiative „ZeitungsZeit Nordrhein-Westfalen – Selbstständigkeit macht Schule“ wurde von der Landesregierung Nordrhein-Westfalen und dem Zeitungsverlegerverband NRW ins Leben gerufen. Sie hat ein Volumen von insgesamt bis zu 20 Millionen Euro und wird mit Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung und von den Zeitungsverlagen aus Nordrhein-Westfalen finanziert. Nahezu alle Tageszeitungsverlage in Nordrhein-Westfalen beteiligen sich an ZeitungsZeit.

Artikel und Foto: PartnerFuerSchule, 13.09.2010