Seit 11 Jahren wird im Comenius-Gymnasium in der 12. Jahrgangsstufe ein Literaturkurs als ein Pflichtkurs alternativ zu Kunst und Musik angeboten. Eines dieser drei Fächer muss in der Qualifikationsphase vor dem Abitur gewählt werden, da die Note in die Abiturwertung eingeht.
Das Fach Literatur bietet die Möglichkeiten eines breit gefächerten Angebots: kreatives Schreiben, Video, Kabarett, Theater. Man entschied sich für die Fortführung der alten Theatertradition des Comenius-Gymnasiums. Darüber
hinaus gaben auch die persönlichen Neigungen der Neubegründer einen Ausschlag. Eine Kollegin hatte schon im Englischunterricht mit einem Leistungskurs ein richtiges Theaterstück aufgeführt, ein anderer Lehrer hatte selbst Erfahrungen beim Schauspielern an einer Laienbühne gesammelt.
In den ersten Jahren leiteten diese beiden zwei parallele Kurse, in jedem Schuljahr gab es also mindestens zwei, meist sogar vier Theateraufführungen, jeweils zum Halbjahresende. Die derzeitige Leiterin des Literaturkurses hatte in den Jahren zuvor schon selbst Tuchfühlung mit den Theaterleuten aufgenommen, als sie eine Bühnenbild-AG anbot. Im einem der letzten Literaturkurse stand am Anfang die Frage nach Talenten und Wünschen der Mitspielerinnen und Mitspieler. Erstaunliches kam dabei heraus, hatten sich doch diesmal nicht nur die KU-MU-Flüchtlinge im Kurs eingefunden, sondern auch solche, die einen Hang zu kreativen Kulturtechniken wie Dichten, Singen, Malen, Basteln, Tanzen oder Musizieren zeigten. Auch das verschämte Angebot eines Schülers, er könne schlecht Geige spielen, beglückte die Kursleiterin: Er würde die Rolle eines schlecht spielenden Geigers hervorragend ausfüllen können! Und eine Schülerin äußerte: „Für eine gute Note würde ich mir auch in der Nase bohren!“ Die Wünsche bewegten sich in die Richtung: Aus-sich-herausgehen, Auftreten-lernen, Selbstbewusstsein-entwickeln, Einmal-die-Hexe-spielen, Laut-sprechen, Langsam-sprechen, Eine-Gruppe-werden, Streit-schlichten, In-eine-Rolle-schlüpfen, Regie-führen, moderieren..., nicht schlecht für den Anfang.
Offen für Schülerinnen und Schüler aus anderen Jahrgangsstufen, für die Mitwirkung von Musikgruppen, für den Einsatz unseres hauseigenen Beamers, bei Bedarf auch für lebende Tiere auf der Bühne (bisher z.B. Hühner und Ratten), dankbar für die manchmal unentbehrliche Hilfe von Eltern und ganz besonders von unserem Hausmeister „Hübi“, der unsere außergewöhnlichen Ideen mit Wohlwollen und persönlichem Einsatz trägt und unterstützt, ist der Theaterkurs eine sehr vielseitige Angelegenheit, eben wie im richtigen Leben!
Aber eins hatte uns doch erschreckt: Wie viele aus dem Kurs hatten die Aufführungen der letzten Kurse gesehen? Vielleicht drei oder vier von ihnen. Sind wir zu wenig bekannt? Sind wir schlecht? Machen wir zu wenig Werbung? Hat der arme Schüler schon in seinem Schülerleben die Symptome eines Rentners, dessen Tag mit selbst auferlegten Pflichten so vollgestopft ist, dass für spontane und lustvolle Aktionen keine Zeit bleibt? Zugegeben, „richtiges“ Theater, „Profis“, findet man vielleicht woanders. Denen wollen wir keine Konkurrenz machen. Wir können aber etwas, was die nicht können: Wir sind keine Spezialisten, wir sind Alleskönner: jeder Mitspieler hat Kompetenz in Stückeschreiben, Spielen, Regieführen, Bühnenbildgestaltung, Beleuchtung, Ton, Kostüm, Requisite, Schminken, Programmheftgestaltung, Plakatkleben, Kartenverkaufen, Kritisieren, Soufflieren, Handwerkern, Kreativsein und Krisenmanagement.
Und weil das alles manchmal ein bisschen viel ist für eine Truppe, wäre es wunderbar, wenn es in der Schule auch noch andere gäbe, die Lust haben, in diesen kreativen Prozess einzugreifen und mitzugestalten, zum Beispiel: ein festes Team aus der Schülerschaft, das sich in den letzten zwei Probenwochen um Licht-, Ton- und eventuell auch Projektionstechnik kümmern würde; eine Band, die Musikstücke aussuchen und spielen könnte; Grafiker, welche die Plakatgestaltung übernehmen; Könner am PC, die das Programmheft gestalten; Finanz- und PR-Experten, welche die Presse und die Ehemaligen einladen, den Kartenverkauf und die Plakatwerbung organisieren, ein Cateringteam, das Getränke, Speisen und Ausschank an den Aufführungsabenden organisiert, Fotografen, die bei der Generalprobe Aufnahmen machen; Kritiker, die die Probenarbeit und Aufführungen in der Schülerzeitung kommentieren, ...
und dann kann der Spielleiter sich hinsetzen und Däumchen drehen!
So ist Theater in der Shule ein Erprobungsfeld, das wie im „wirklichen Leben“ alle Aspekte eines ineinander greifenden wirtschaftlich funktionierenden Organismus abzudecken hat, nicht unter virtuellen Bedingungen, sondern real. Und das kann manchmal ganz schön stressig und aufregend sein, weil Termine feststehen und alle Beteiligten sich einigen müssen auf ein gemeinsames Ziel.
Es gibt Schülerinnen und Schüler, die machen schon zum dritten Mal mit und haben immer noch nicht genug. Von der Sorte könnten wir ein paar mehr gebrauchen.
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