Politik am Comenius

Europawahl 2009: Dr. Klaus Hänsch im intensiven Gespräch mit Schülerinnen und Schülern - 17.05.09

Stell' Dir vor, es ist Europawahl und niemand geht hin. Dieses Horrorszenario kann zumindest bezüglich der Comenius-Schüler nicht mehr eintreten. Unser Gymnasium bekam nämlich am Freitag, den 15.05.2009, hohen Besuch, der uns auf die Wahl am 7.6. einstimmte. Klaus Hänsch, ehemaliger Präsident des Europäischen Parlaments, aus dem er im Juni ausscheiden wird, diskutierte fast zwei Stunden lang mit 300 Schülerinnen und Schülern der Ober- und Mittelstufe in der Aula.

"Schüler fragen – Politiker antworten", so lautet die traditionsreiche Diskussionsreihe unserer Schule, in deren Rahmen wir vor jeder Wahl eine "Elefantenrunde" oder einzelne herausragende Politiker zu einem offenen Dialog mit Schülern einladen. Deshalb standen deren Fragen im Zentrum der Veranstaltung – und deshalb moderierten mit Mark Kretschmer und Phil Mordecai auch zwei Schüler des 13er Leistungskurses Sozialwissenschaften (und nicht etwa Lehrer) die Diskussion. Thematisch ging es um die Felder Außenpolitik, EU-Erweiterung und den Verfassungsvertrag.

"Wie sahen Sie das Verhalten der EU im Russland-Georgien-Konflikt?", wollte z.B. Patrick Mühlner wissen. Hänsch hob den außenpolitischen Erfolg der EU hervor, im Alleingang – ohne UNO und USA – Russland davon abgehalten zu haben in Tiflis einzumarschieren. Auch der folgende Waffenstillstand sei wesentlich Europa zu verdanken. Man müsse sich daran gewöhnen, nicht immer nur von EU-Versagen auf dem Feld der Außenpolitik zu reden, sondern die Gemeinschaft könne sehr wohl Erfolge vorweisen.

Auf großes Interesse der Schüler stieß Hänschs Meinung zur Erweiterung der EU. Wo er, der die Osterweiterung maßgeblich mit vorangetrieben hat, denn die geographischen Grenzen der EU in 15 Jahren sehe, wollte z.B. Mesut Akbaba von dem Europapolitiker wissen. Die Schüler erfuhren, dass Hänsch zwar noch einige wenige Staaten aufgenommen sehen möchte, v.a. auf dem Balkan, im Übrigen aber die Grenze bei rund 30 EU-Mitgliedern – und geographisch westlich von Istanbul zog. Warum Hänsch sich ausgerechnet in der Frage der Aufnahme der Türkei gegen die Parteimeinung seiner Partei, der SPD, stellte, wollte Maxi Gerischer wissen. Hänsch beharrte auf der Freiheit der persönlichen Meinung – auch für Spitzenpolitiker: "Die Türkei als Mitglied würde uns überfordern." Bezüglich der anderen beiden Beitrittskandidaten (Kroatien und Mazedonien) antwortete Hänsch ebenso präzise auf Sylvia Russos Frage nach dem Stand der übrigen Verhandlungen.

Spannend wurde es noch einmal beim Thema EU-Verfassung. Wie es mit dem Vertrag weitergehen solle, nachdem die Iren ihn abgelehnt haben, wollte Pia Geiker wissen. Der von Hänsch unterstützte Vorschlag, noch einmal abstimmen zu lassen, weil die Mehrheit der Iren damals wohl "geirrt" habe, ließ die beiden Moderatoren nachfragen: "Wollen Sie also so lange abstimmen lassen, bis das Ergebnis passt?" Die Meinungen auf dem Podium und im Publikum blieben in einigen Punkten also kontrovers. Einig war man sich aber darin, eine äußerst anregende politische Diskussion mit einem europäischen Spitzenpolitiker erlebt zu haben – und im Dank an Klaus Hänsch für die Bereitschaft, so lange, intensiv und offen mit den Schülern diskutiert zu haben.

Eine Dreiviertelstunde an Auszügen aus der Diskussion kann man in fünf Videos auch auf www.YouTube.com/ComeniusGymnasium, der YouTube-Seite unserer Schule, als Einzelvideos oder hintereinander sehen.